Samstag, 2. Februar 2008

Saarbrücken-Berlin-Stockholm

Zunächst einmal: Ich habe die Location gewechselt und daher gibt's jetzt unter http://schwedendeska.blogspot.com das Schweden-Blog. Doch nun der Übergangseintrag...


Berlin: Hmm...? Jetzt sitze ich hier im schönen Berlin, noch nicht wirklich weg, noch nicht endgültig in der neuen Heimat angekommen, mit dem ehrenwerten Vorsatz mich mitzuteilen, doch da fällt mir auf, während die Verstoffwechselung des vorabendlich aufgenommenen Ethanols sich mit hässlicher Fratze zeigt, dass ich mein Indien-Blog noch gar nicht entsprechend abgeschlossen habe. Nach vielen Wochen des verbalen Exhibitionismus gehört es sich ja nun mal eigentlich, solch ein Tagebuch auch des Werkes angemessen mit prachtvollen Phrasen, wortreich und emotionsgeladen für beendet zu erklären. Doch irgendwie habe ich es die vergangenen Wochen, sei es aus Mangel an Zeit, Muße oder einfach auf Grund fehlender Sätze, nicht auf die Reihe bekommen, ein schönes Resumé auf die Beine zu stellen. Und jetzt geht auch schon gleich mein Anschlussflieger nach Stockholm, daher sag ich einfach noch danke an alle, mit denen ich in Indien eine einmalige Zeit verbracht habe, danke an alle, die mich von zuhause aus mental unterstützt haben, und danke Indien.

Stockholm: Die Sonne taucht die Schären südlich von Stockholm in ein traumhaftes Licht, aus den Wäldern luken hier und da rot-weiße Schwedenhäuschen, die Elche grasen gemütlich auf den Hainen, so könnte es zur Begrüßung gerne bleiben, doch den Gefallen tut man mir natürlich nicht. Beim Überfliegen der Stadtgrenze tauchen wir in eine flauschige Schneewolke ein und verlassen diese erst wieder, um im leicht verschneiten Arlanda zu landen. Da sich die eigensinnigen Schweden der allgemeinen Klimaerwärmung hartnäckig verweigern, bietet es sich zurzeit nicht an, nackt durch die Stadt zu laufen - im Sommer gerne, jetzt nicht - und so habe ich präzise ausgewogene 48,3 kg (in Worten: achtundvierzig-komma-drei Kilogramm) Kleidung mitgebracht, die dummerweise a) am Flughafen als Übergepäck ohne weitere Korrekturfaktoren direkt in Gold aufgewogen wurden und b) jetzt in meine Übergangswohnung nach Solna befördert werden müssen. Aber auf diese Weise muss ich wenigstens nicht das lieb gewonnene Gefühl, schweißtriefend Gepäckstücke durch die Landschaft zu wuchten, ablegen. Am Huvudsta angekommen überrascht man mich mit folgender Botschaft: receptionen öppet mellan 9-11, måndag t.o.m. fredag, will sagen, ich hab noch keinen Schlüssel, ich komm hier nicht rein. Öffnungszeiten von neun bis elf morgens kennt man ja schon von Indien her, aber selbst dort tarnt man jene Missstände mit Angaben wie 8 am to 6 pm, auch wenn's nicht stimmt. Die Kräfte schwinden spürbar, also mache ich mich auf, mein Hab und Gut bei einem der umliegenden Geschäfte zwischen zu lagern, um dann anschließend an der Uni am anderen Ende der Stadt meinen Wohnungsschlüssel abzuholen. Zunächst stellt man sich etwas quer, doch im dritten Laden habe ich Erfolg. Sowohl mit dem Gepäckabstellen als auch dem Schwedischsprechen; zwei Stunden in Schweden und ich musste mich noch nicht auf demütigende Englischkonversationen herablassen. Pünktlich zum Sonnenuntergang erreiche ich um 14:40 die Uni, wo ich überaus herzlich empfangen werde. Beim ersten Rundgang durch meine zukünftige Arbeitsstätte fällt vor allem auf, dass die neuen Kollegen nicht nur überaus nett sind, sondern auch wohlklingende und vertraute Namen tragen; in Indien konnte ich mir selbst nach Wochen noch nicht alle Namen der acht (!) Kollegen merken. Einen weiteren Unterschied zu Indien stellen, nicht ganz unerwartet, die Lebenshaltungskosten dar. Mein Kater nimmt mittlerweile unangenehme Züge an, so dass ich den Tag mit einem raschen Abendessen beenden möchte, doch ich brauche fast eine Stunde in dem meiner Wohnung nahe gelegenen Supermarkt, mir eine Grundausstattung aus Salz, Pfeffer, Nudeln, Zwiebeln, Tomaten, Wasser und Bier zuzulegen. Das bangaloreanesische All-Inclusive-Mensa-Programm bot für 65 Rupien (= 1.09 Euro) eine Vierundzwanzigstunden-Verpflegung mit vier Mahlzeiten, meine Flasche Mineralwasser kostet hier umgerechnet 73 Rupien. Ohnehin scheint der Schwede ein gestörtes Verhältnis zu Mineralwasser zu haben. Auf circa zwei Hektar Supermarktfläche wird eine unüberschaubare Anzahl an hochpreisigen, aromatisierten Wassern feilgeboten - Preiselbeere, Mango, Hagebutte, andere Geschmacksrichtungen, deren deutsche Entsprechung ich nicht mal vermuten zu vermag - doch ein einfaches und billiges Wasser soll ich auch nach ausgiebigen Nachforschungen nicht mein Eigen nennen können. Das kommt ganz oben auf meine to-do-Liste: billigen Supermarkt mit Billigwasser finden! Meine Luxusnudeln mit Luxustomatensoße schmecken ziemlich genau so wie normale Nudeln mit normaler Tomatensoße, es ist nun schon fünf Stunden dunkel und so schlafe ich gegen 20 Uhr zum wiederholten Male beim Versuch night on earth zu schauen ein. Nix gegen Jim Jarmusch, prima Filme, aber es gibt einfach nichts, was mich besser in den Schlaf wiegen kann.